Die Museumsgeschichte

1843 bis 1854

1843/44 erwarb Bernhard August von Lindenau auf einer ausgedehnten Kunstreise durch Italien und Frankreich einen bedeutenden Teil seiner Sammlung frühitalienischer Malerei, eine große Zahl antiker Keramiken sowie kunstgeschichtliche Bücher sowie Architekturmodelle und Gipsabgüsse. Sein wichtigster Berater und Vermittler war Emil Braun, der Erste Sekretär des Instituto di Corrispondenza Archeologica, des späteren Deutschen Archäologischen Instituts in Rom.
1845 ließ Lindenau auf seinem Wohnsitz, dem Pohlhof in Altenburg, nach Plänen des Leipziger Architekten Albert Geutebrück ein Museumsgebäude errichten. Neben den Kunstsammlungen sollte hier auch eine „Anstalt für Jünglinge aus dem Altenburger Lande zum unentgeltlichen Unterricht im freien Handzeichnen, im architektonischen Zeichnen, im Modellieren und in der Baukunst“ untergebracht werden. 1847 kamen die Dresdener Kunsthistoriker Johann Gottlob von Quandt und Heinrich Wilhelm Schulz auf den Pohlhof, um zusammen mit Lindenau die Sammlungen zu ordnen und das Museum einzurichten. Am 4. Januar 1848 begann der Lehrbetrieb der Kunst- und Gewerbeschule; am 1. April 1848 wurde das Museum eröffnet. Im selben Jahr erschien der erste Katalog der Sammlungen, die „Beschreibung der im neuen Mittelgebäude des Pohlhofs befindlichen Kunst-Gegenstände durch die Herren v. Quandt und Hofrat Schulz mit einem Vorwort des Sammlers“.

Bis 1854 trafen auf dem Pohlhof ständig neue Kunstwerke ein, die Lindenau zur Erweiterung und Komplettierung seiner Sammlungen erworben hatte. Bereits 1851 wurde der Anbau von zwei Seitenflügeln nötig. Die Museumsgründung stieß in der deutschen Öffentlichkeit auf großes Interesse. So berichteten K. B. Stark im „Deutschen Kunstblatt“ und Eduard Gerhard im „Archäologischen Anzeiger“ über die Altenburger Sammlungen. Am 21. Mai 1854 starb Bernhard August von Lindenau auf dem Pohlhof. Sein Testament verfügte die Stiftung seiner Sammlungen an das Herzogtum Sachsen-Altenburg. Ein Legat von 60 000 Talern sollte den Unterhalt des Museums und der Kunstschule, den weiteren Ankauf von Kunstwerken sowie die Vergabe von Stipendien sichern. Im Gedenken an den Astromomen Franz Xaver von Zach, dessen an Lindenau vererbtes Vermögen erheblich zum Aufbau des Museums beigetragen hatte, bekam die Stiftung den Namen „Lindenau-Zachsche Stiftung“.

1854 bis 1945

Mit der Annahme von Lindenaus Vermächtnis hatte sich das Herzogtum zur Errichtung eines neuen, größeren Museumsgebäudes verpflichtet. 1874 begann am Rande des Schlossparks der Bau des heutigen Lindenau-Museums nach Plänen des Altenburger Baurats Julius Robert Enger. 1876 erfolgte der Umzug der Sammlungen nach einem Konzept des Direktors der Dresdener Antiken- und Abguss-Sammlung Hermann Hettner. Am 11. Juli 1876 wurde das neue Gebäude als Herzogliches Landesmuseum eröffnet. In den folgenden Jahren wurde das Museum zwar weiter unterhalten und verwaltet, aber kaum weiterentwickelt. Eine Ausstellung der expressionistischen Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ im Jahre 1909 löste einen Skandal aus und wurde nach drei Tagen geschlossen. In der Inflation 1923 ging das Stiftungsvermögen verloren, die Museumsschule musste aufgelöst werden.

1934 schenkte der Leiter der Altenburger Landesbibliothek Hermann Anders Krüger dem Museum seine Graphiksammlung. Zusammen mit dem wertvollen druckgraphischen Bestand der Kunstbibliothek Lindenaus stand „Krügers Graphicum“ mit Arbeiten unter anderem von Slevogt, Corinth, Feininger und George Grosz am Beginn der heute bedeutenden Graphischen Sammlung. 1937 verlor das Museum im Zusammenhang mit der Aktion „Entartete Kunst“ elf Gemälde, eine Plastik und 29 Graphiken.

1945 bis heute

Unter der Direktion von Hanns-Conon von der Gabelentz in den Jahren 1945 bis 1969 nahm eine Neuorientierung ihren Anfang, die bis heute Grundlage der Museumsarbeit ist. Gabelentz sah seine Aufgabe darin, „die überkommenen Sammlungsteile in eine lebendige Verbindung zur Gegenwart zu bringen“. Im Vordergrund standen die Weiterentwicklung der Sammlungen, die wissenschaftliche Erschließung der historischen Bestände, ihre konservatorische und restauratorische Betreuung sowie die öffentliche Vermittlung der Museumsarbeit durch eine prononcierte Ausstellungstätigkeit. Mit Gespür für Qualität erwarb Gabelentz Einzelbeispiele europäischer Kunst der Vergangenheit, vor allem aber deutsche Kunstwerke der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Ankäufe neuerer Kunst orientierten sich an Gabelentz’ privater Sammlung von Werken Conrad Felixmüllers, die sich seit 1950 im Lindenau-Museum befand. Von 1956 an wurden in beeindruckend dichter Folge Ausstellungen sowohl zu den alten und neuen Sammlungsschwerpunkten als auch zur jungen zeitgenössischen Kunst gezeigt. 1959 erschienen die drei Altenburg-Bände des Corpus Vasorum Antiquorum von Erwin Bielefeld, 1961 Robert Oertels fundamentaler Bestandskatalog „Frühe italienische Malerei in Altenburg“.
Bis heute fühlt sich das Lindenau-Museum dem Neubeginn durch Hanns-Conon von der Gabelentz ebenso verpflichtet wie den Gründungsintentionen Bernhard August von Lindenaus. In einer oft schwer durchzuhaltenden Kontinuität hat das Museum die Wahrung seiner bedeutenden historischen Bestände mit einer großen Aufgeschlossenheit gegenüber der Gegenwartskunst verknüpft. Von 1969 bis 1981 wendete es sich in Ausstellungen und im weiteren Aufbau der Grafischen Sammlung vor allem der zeitgenössischen Leipziger Kunst zu. 1971 wurde in Anknüpfung an die Kunst- und Gewerbeschule Bernhard August von Lindenaus das Studio Bildende Kunst gegründet.

Die achtziger Jahre standen im Zeichen der Aufarbeitung der Moderne und der Wahrnehmung einer an der Avantgarde der ersten Jahrhunderthälfte orientierten neuen, experimentellen, nonkonformen Künstlergeneration in Berlin, Leipzig, Dresden und Chemnitz. Die offene, produktive Atmosphäre dieser Jahre, die unter anderem maßgeblich durch die Arbeit von Helmar Penndorf in der Graphischen Sammlung inspiriert war, hatte zur Folge, dass das Lindenau-Museum über die Zeit der Wende 1989/90 hinaus seine Konzeption beibehalten konnte. In den neunziger Jahren kamen neben der Erwerbung von Werken des aus Altenburg stammenden Spätexpressionisten Walter Jacob große Ankäufe von druckgraphischen Mappenwerken der zwanziger Jahre und von Werken Gerhard Altenbourgs zustande, durch die das Lindenau-Museum heute über eine der wichtigen graphischen Sammlungen Deutschlands verfügt.
In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Sammlung frühitalienischer Tafelmalerei durch umfangreiche kunsthistorische sowie gemäldetechnische Forschungen und damit verbundene Konservierungs- bzw. Restaurierungsprojekte, durch die Rekonstruktion eines sienesischen Altarwerks des 13. Jahrhunderts, durch die Publikation der ersten beiden Bände eines neuen Bestandskatalogs und durch Ausstellungen in Florenz, Siena und Paris neue internationale Beachtung gefunden. Dieser neue Status sowie die weitere Aufarbeitung der übrigen historischen Sammlungen, das andauernde Engagement für junge zeitgenössische Kunst, weitere große Ankäufe und die Fördertätigkeit des Studios Bildende Kunst haben das Museum aus seinem peripheren Dasein in der Provinz in den Rang einer der gesamtstaatlich bedeutsamen Kultureinrichtungen im Osten Deutschlands gehoben.