Der Kampf gegen unliebsamen Besuch – Integriertes Schädlingsmanagement am Lindenau-Museum Altenburg

Insekten sind mit über 1 Millionen Arten die artenreichste Klasse der Tierwelt. Sie besiedeln die unterschiedlichsten Lebensräume und sind speziell an diese angepasst. In der Natur sind sie uns willkommen und in unsere Gärten laden wir vor allem die Nützlinge ein, um so einen Beitrag gegen das Insektensterben zu leisten. Im Museum sind sie uns allerdings nicht erwünscht, denn unsere Sammlungsbestände sind für die kleinen Tiere ein wahres Paradies. Als Feinschmecker sind sie auf bestimmte Nahrung spezialisiert. Das Problem dabei ist: Ihre Nahrung ist unsere Kunst.

Im Museumsdepot stellt jemand eine Insektenfalle auf
Das Aufstellen von Fallen hilft beim Monitoring, Foto: Mareike Möller

Besonders beliebt sind tierische Materialien wie Fell und Hautschuppen, Leime und Leder, aber auch andere Insekten. Das ist problematisch in Sammlungen mit Kleidung, präparierten Tieren, Büchern und Papier, bei dem durch die Leimung tierisches Material aufgetragen wird. Pflanzliche Bestandteile können für einige Insektenarten ebenfalls verlockend sein, für die Fortpflanzung wird aber in der Regel tierisches Material benötigt.

Schäden an Holz, in Rahmen von Gemälden oder den Tafeln der Gemälde, in Buchdeckeln, Möbeln und historischen Innenausstattungen können durch einen Befall von holzzerstörenden Käfern verursacht werden. Die Käfer – meist spezialisiert auf eine bestimmte Holzart – legen ihre Eier in das Holz, in dem sich die gefräßigen Larven meist sehr langsam über mehrere Jahre entwickeln und dabei durch das Objekt fressen. Sichtbar wird der Schaden erst durch herabfallendes Bohrmehl – auch Nagsel genannt – und kleine Löcher. Die ausgewachsenen Käfer selbst brauchen übrigens meist keine Nahrung mehr. Sie haben sich als Larve schon satt gefressen.

Abgefressene Farbschichten und Fehlstellen sind die Folge von Insektenbefall. Sie beeinträchtigen nicht nur die Lesbarkeit der Objekte, sie zerstören vor allem historisch relevante Informationen der Künstlerinnen oder der Künstler, die auch durch eine fachgerechte Restaurierung nicht wieder hergestellt werden können. Meist werden ein Befall und der damit einhergehende Schaden zu spät gesehen. Schließlich stehen die Objekte gut gesichert im Depot und werden nur im Bedarfsfall in die Hand genommen. Wenn sie dann gefunden werden, ist die Überraschung groß – ebenso wie der Schaden. Häufig vorkommende Schädlinge sind Papierfischchen, verschiedene Mottenarten, wie bspw. Pelz-, Kleider- oder Samenmotten, und Käfer, darunter der Gemeine Nagekäfer, Museumskäfer, Pelzkäfer oder Teppichkäfer.

Um unsere Sammlungen zu schützen, wurde ein sogenanntes IPM-Konzept eingeführt. Die Abkürzung steht für Integrated Pest Management, zu Deutsch: Integriertes Schädlingsmanagement. Dabei handelt es sich um eine präventive Methode, um Schädlingsbefall zu verhindern. Ursprünglich aus der Lebensmittellagerung stammend, wurde es in den 1980er-Jahren auf die Sammlungsbereiche in Museen übertragen. Früher wurde ein auftretender Schädlingsbefall häufig mit gesundheits- und umweltschädigenden Chemikalien bekämpft. So wurde zwar der Befall abgetötet, der Schaden an den Objekten konnte jedoch nicht verhindert werden. Außerdem können manche Objekte noch heute mit den verwendeten Chemikalien kontaminiert sein.

Das Integrierte Schädlingsmanagement ist eine deutlich schonendere und kostensparendere Methode, bedeutet allerdings auch einen kontinuierlichen Zeitaufwand. Es muss nämlich im gesamten Haus auf die Suche nach Insekten und anderen Schädlingen gegangen werden: Wo sind Ritzen und Möglichkeiten sich zu verstecken? Wo liegen Staub und Schmutz? Wo haben Schädlinge Einstiegsmöglichkeiten? Was dient als Nahrung? Sind tote Tiere oder abgeworfene Haut zu finden? All das wird vermerkt und wenn nötig angepasst.

Sauberkeit ist das oberste Gebot in Depot und Ausstellungsräumen. Da die Luftfeuchtigkeit in diesen Räumen relativ niedrig gehalten wird und auch sonst kein freies Wasser zur Verfügung steht, greifen Insekten gerne auf sogenannte Staubmäuse zurück. Staub zieht Feuchtigkeit an und kann sie speichern. So entsteht ein Mikroklima, in dem sich Insekten ihre benötigte Feuchtigkeit holen können. Eine regelmäßige Reinigung der Räumlichkeiten ist unabdingbar.

Ein weiteres Instrument ist das Monitoring. Hierfür werden Fallen aufgestellt, die es in den unterschiedlichsten Ausführungen gibt. In der Regel handelt es sich um Klebefallen mit oder ohne Lockstoff. Aber auch Lichtfallen und mit Köder ausgestattete Fallen können zum Einsatz kommen. Die Fallen sollen die Tiere nicht wegfangen, sondern lediglich anzeigen, wo und wie viele Tiere in welchem Entwicklungsstadium vorhanden sind. Sie geben einen groben Überblick und zeigen vor allem Veränderungen an. Aus diesem Grund müssen die Fallen in regelmäßigen Abständen kontrolliert und die wichtigsten Informationen festgehalten werden: Um welche Tiere handelt es sich? In welchem Entwicklungsstadium befinden sie sich? Wie viele Tiere sind auf der Falle? Welche Fallen sind am „besten besucht“?

Abbildungen diverser Käferarten in einem Buch aus dem 19. Jahrhundert
Auszug aus dem Dictionnaire des sciences naturelles (1816-1830), Bestandteil der Kunstbibliothek von Bernhard August von Lindenau

Die gesammelten Informationen geben einen Überblick über die Situation in der Sammlung. Landen in bestimmten Fallen mehr Insekten, kann auf Ursachensuche gegangen werden: Befinden sich Ritzen in den Außenwänden, besteht eine höhere Luftfeuchtigkeit oder ist gar ein totes Tier als Nahrungsquelle der Grund? All diese Ursachen müssen behoben werden. Spätere Überprüfungen der Fallen zeigen, ob die Veränderungen etwas gebracht haben. Durch regelmäßige Kontrollen können Überraschungen und der Verlust von Originalmaterial verhindert werden.

Kein Haus und kein Museum ist vor (Schad-)Insekten sicher. Sammlungen frei von Schädlingen zu halten, ist nahezu unmöglich. Da die Fortpflanzung und Entwicklung der Tiere stark von ihrer Umgebung abhängt, gilt es, diese durch niedrige Temperaturen und eine geringe Luftfeuchtigkeit so ungemütlich wie möglich zu gestalten. Damit entsteht ein Klima, das in einem Depot ohnehin erwünscht ist.

Sollte es trotz aller präventiven Maßnahmen zu einem Befall kommen, gibt es mittlerweile gut erprobte, umwelt- und gesundheitsschonende Methoden, wie bspw. Stickstoffbegasung, Sauerstoffentzug oder Wärme- bzw. Kältebehandlung der Objekte.

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