„Edle Einfalt und stille Größe“ – Zeichnungen von Ludwig Doell aus dem Dornröschenschlaf geweckt

Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen, Vermitteln – das sind die Kernaufgaben eines jeden Museums. Doch was heißt das in der Praxis? Für das Lindenau-Museum Altenburg bedeutet das, die Werke nicht nur einer interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren, sondern diese auch aufzuarbeiten, sie zu untersuchen und die gesammelten Daten und Ergebnisse fachgemäß zu dokumentieren, damit auch künftige Generationen mit ihnen arbeiten können. Derzeit geschieht dies mit den im Lindenau-Museum verwahrten Werken des Malers Friedrich Ludwig Theodor Doell (1789–1863) und seiner Schüler. Unter den mehr als 300 Skizzen und Studien befinden sich einige Werke, die für das Schaffen des Künstlers von großer Bedeutung waren. Dieser bislang wenig beachtete Bestand wurde nun inventarisiert und genauer untersucht.

Aus einer Schrift des Altenburger Archivars Walter Grünert (1889–1980), der das Gesamtwerk Ludwig Doells ausführlich studierte, geht hervor, dass sich nicht nur sein Gemälde „Der Tod Abels“ im Besitz des Lindenau-Museums befindet, sondern auch fünf große Akt- und Handstudien, zwei kleinere Entwürfe sowie vermutlich weitere dazugehörige Skizzen und Studien des Künstlers. Nach Grünert seien diese als Vorarbeiten für die Gemäldekomposition entstanden. Jenes Ölgemälde, das auch „Der Tod des ersten Menschen“ genannt wird, fertigte Doell während seines zweiten Italienaufenthaltes (1817–1821) an. Es entstand in einer der aktivsten Schaffensperioden seines Lebens.

Ludwig Doell, Der Tod Abels, um 1820

Betrachtet man die Vorarbeiten für das Gemälde, wird deutlich, dass sich der Meister eingehend mit dem Bildaufbau des Werks befasst hat. In den beiden Zeichnungen zu Eva und Abel studiert Doell akribisch die Anatomie und Körperhaltung der beiden Figuren: Abel, der soeben von seinem älteren Bruder Kain aus Neid erschlagen wurde, liegt leblos auf dem Boden und wird von seiner trauernden Mutter Eva gehalten. Gerade erst zu ihrem Sohn geeilt, kniet sie fassungslos auf dem Boden, während Abel in ihrem Schoß hängt. Da der Künstler in diesen Studien den Vater Adam nicht wie später im Gemälde mit abbildet, erinnert die Komposition doch stark an eine Pietà-Darstellung.

Als Sohn des Hofbildhauers der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg Friedrich Wilhelm Eugen Doell (1750–1816) war es dem jungen Ludwig bestimmt, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. So versuchte er sich bereits im Alter von zehn Jahren an eigenen zeichnerischen Arbeiten und wurde, nachdem er die Schule verlassen hatte, von seinem Vater in Zeichnen sowie Modellieren unterrichtet und legte ein gewisses Talent in der Bildhauerei an den Tag. Doch als der junge Doell 1804 mehrere Gemälde des Malers und Professors Josef Grassi (1757–1838) aus Dresden zu Gesicht bekam, beschloss er seinen künstlerischen Schwerpunkt auf die Malerei zu legen. Nach zweijähriger Lehre in Gotha und Weimar, siedelte er nach Dresden über, um bei Grassi an der dortigen Kunstakademie zu studieren. Er erhielt Unterricht im Modellzeichnen und in Anatomiestudien, kopierte Meisterwerke der Dresdner Galerie und studierte Antiken und Gipsabgüsse. Als Lieblingsschüler und Freund Grassis, begleitete Doell seinen Meister zweimal auf Studienreisen nach Frankreich und Italien. In dieser Zeit schuf der Maler einige seiner bekanntesten Werke, wie „Die Albaneserin“ (heute „Die Albanerin“), die auch im Interim des Lindenau-Museums Altenburg in der Kunstgasse 1 zu sehen ist.

Ludwig Doell, Skizze Eva hält Abel, um 1820

Große Unterstützung fand Ludwig Doell aber nicht nur bei Professor Grassi. Auch Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772–1822) und Staatsminister Hans von Thümmel (1744–1824) waren Gönner des Künstlers und gaben ihm regelmäßig Aufträge, insbesondere in der Porträtmalerei. Außerdem ist es von Thümmel zu verdanken, dass der Maler 1812 eine Festanstellung als Zeichenlehrer in Altenburg erhielt. Da aus den Anfangsjahren seiner Lehrtätigkeit wenig bekannt ist, kann man nur vermuten, dass Doell für Kunst aufgeschlossene Laien aus dem wohlhabenden Bürgertum unterrichtete. Zunächst befand sich die Zeichenschule im Kammer- und Bibliotheksgebäude am Burgtor (heutiger Theaterplatz), später in der Neugasse, wo sie in den 1830er Jahren zu einem Anlaufpunkt für junge Künstlerinnen und Künstler sowie Kunstfreunde verschiedenster Kreise wurde. Zu den Schülern, die Doell auf ein Kunststudium in Dresden oder München vorbereitete, bzw. die er laut seines Lebenslaufs „völlig zur Kunst heranbildete“, gehörten u. a. Franz Kießling, Herrmann Foetsch, Karl Moßdorf und Erdmann Julius Dietrich. Letzterer wurde später immer wieder durch Bernhard August von Lindenau finanziell gefördert und von diesem aufgrund seines Engagements für die Lindenauschen Sammlungen zum Kustos des Museums am Pohlhof in Altenburg ernannt. Aus diesem Museum ging später das heutige Lindenau-Museum hervor.

Bereits durch die Ausbildung des Vaters bei Anton Raphael Mengs (1728–1779) und dessen Bekanntschaft zu dem berühmten Kunsttheoretiker Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), wurde Ludwig Doell schon früh an den Klassizismus (kunstgeschichtliche Epoche von ca. 1770–1840, die sich an die Formensprache der Antike anlehnt) herangeführt. Da nicht nur Doells Vater, sondern auch sein Professor Josef Grassi bei Mengs in die Lehre gegangen war, verwundert es nicht, dass der junge Künstler immer wieder mit antiken Vorbildern konfrontiert und folglich selbst zum Vertreter des deutschen Klassizismus wurde. Anhand seines Gemäldes „Der Tod Abels“ wird dies ersichtlich. Der Künstler wählte nicht das übliche, barock anmutende Motiv des gewaltsamen Brudermords, sondern schuf eine selbsterfundene Szene: den ruhigen Augenblick nach der Tat, als Adam und Eva den Tod ihres Sohnes betrauern. Mit diesem Motiv folgt er einem berühmten Grundsatz Winckelmanns, der besagt, dass sich im Ruhezustand die wahre Schönheit des Körpers offenbare – „edle Einfalt und stille Größe.“

Die Werke Ludwig Doells werden wohl eher ein Geheimtipp bleiben. Doch durch seine Tätigkeit in Altenburg hat er sich um die Kunst in der Residenzstadt verdient gemacht. So schreibt Walter Grünert 1938 über den Künstler: „Ludwig Doell ist zwar nicht […] in die große deutsche Kunstgeschichte eingegangen […], aber wir Altenburger sind doch stolz auf ihn und verehren in ihm einen hochverdienten heimatlichen Künstler.“

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