Marianne Werefkin: „Die Blaue Reiter-Reiterin“

Im Jahr 1911 setzt Marianne Werefkin (1860–1938) die Rückenfigur einer reitenden, schwarzen Gestalt in eine unheimliche nächtliche – womöglich am Meer gelegene – Landschaft. Die Künstlerin selbst verbringt den Sommer in diesem Jahr im Ostseebad Prerow. Werefkins Reiter bahnt sich zwischen den Hügeln seinen Weg, an dessen Ende die Umrisse einer Stadt zu erkennen sind. Das Hochformat in Ölfarben auf Malkarton suggeriert den Beobachtenden, dass der größte Streckenabschnitt noch zu bewältigen ist. Der Weg führt bergauf und bergab, vorbei an den dunklen Silhouetten einer Windmühle sowie an einzelnen, knorrigen Bäumen, bis er schließlich in einer endlos scheinenden, dünnen Schlangenlinie verstummt. Zieht ein Unwetter auf? Die Dunkelheit absorbiert nicht nur das wenige Licht im Bildgeschehen, sondern auch das im Ausstellungsraum. Ein Loch an der Wand tut sich auf. Sogartig fängt einen das Blau und die melancholische Stimmung ein. Ob es die einsame schwarze Gestalt, die sich mit eingezogenem Kopf über ihren Schimmel beugt, rechtzeitig ans Ziel schaffen wird?

Marianne Werefkin, Der Landarzt, 1911, Sammlung Felix und Herlinde Peltzer-Stiftung, Foto: Lindenau-Museum Altenburg

Die Szene könnte Theodor Storms "Der Schimmelreiter" (1888) entsprungen sein. Marianne Werefkin betitelte ihr Bild selbst als "Der Landarzt". Die düstere Atmosphäre erweckt sogleich weitere literarische Assoziationen mit der Figur des Landarztes, die sich in den gleichnamigen Erzählungen von Honoré de Balzac (1833) und Franz Kafka (1917) sowie in Gustave Flauberts "Madame Bovary" (1857) wiederfindet. Im Gründungsjahr des "Blauen Reiters" entstanden, mag man in dem Landarzt gar selbst einen blauen Reiter erkennen. Ob es bloßer Zufall ist, dass die fortschreitende Dämmerung den Schimmel in ein blaues Licht hüllt?

Das Gemälde "Der Landarzt" von Marianne Werefkin ist seit Anfang Mai 2023 in der Ausstellung "Kirchner, Pechstein, Werefkin – Meisterwerke aus der Sammlung Peltzer" im Prinzenpalais des Residenzschlosses Altenburg zu sehen. Gemeinsam mit 35 weiteren Dauerleihgaben aus der Sammlung Felix und Herlinde Peltzer-Stiftung erlaubt es einen Einblick in die Themen und wiederkehrenden Motive der Klassischen Moderne. Schlaglichtartig bringen sie den Besucherinnen und Besuchern die Lebenswelt der Künstlerinnen und Künstler im beginnenden 20. Jahrhundert näher.

Eine dieser Künstlerinnen ist die in Russland geborene Marianne Werefkin. Um ihrer Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Expressionismus gerecht zu werden, kann man sie gleichermaßen Malerin und Kunsttheoretikerin nennen. Marianne Werefkin wächst im Russischen Kaiserreich in aristokratischen Kreisen auf. Sie wird von Vertretern des russischen Realismus ausgebildet. In der Heimat erlangt sie Bekanntheit als russische Version des berühmten niederländischen Barockmalers Rembrandt van Rijn (1606–1669). Der Beiname zeugt von dem großen Talent, das man ihr nachsagt. Zu dieser Zeit malt Werefkin noch im realistischen Stil. In ihrem Geburtsland kommt es zur schicksalshaften Begegnung mit Alexej Jawlensky (1864–1941), den sie künstlerisch und finanziell unter ihre Fittiche nimmt. Für die nächsten drei Jahrzehnte verbindet die beiden ein kompliziertes Geflecht aus Lehrerin-Schüler-Verhältnis, Freundschaft und Lebenspartnerschaft.

Nach dem Tod von Werefkins Vater 1896 bauen sich die beiden russischen Kunstschaffenden ein Leben in München auf. Die Wohnung in der Giselastraße 23 im Stadtteil Schwabing wird alsbald zum Treffpunkt der Münchener Avantgarde und Marianne Werefkin erhält einen neuen Spitznamen. Hier nennt man sie 'die Baronin'.

Der Direktor der Bremer Kunsthalle Gustav Pauli (1866–1938) gastierte ebenfalls im sogenannten "Salon der Giselisten". Über die Aura und den intellektuellen Einfluss Werefkins schreibt er in seinen Erinnerungen im Jahr 1936:

„Neben der bekannten Kunstwelt, die sich in ihren Erfolgen sonnte, blühte im Schatten die Opposition der Jugend etwa so wie eine kommunistische Verschwörung inmitten einer bürgerlichen Gesellschaft. […] In dieser Welt […] bildete der Salon der Werefkin einen Mittelpunkt. Sie war die international erzogene Tochter eines russischen Generals, weltgewandt, gescheit und kritisch beredt. Um ihren Teetisch sammelte sich täglich das Grüpplein der Getreuen, meist russischen Künstler, […] und ihre Münchner Freunde, eine ziemlich bunte Gesellschaft, in der sich die bayerische Aristokratie mit dem fahrenden Volk der internationalen Bohème begegnete. […] Nie wieder habe ich eine Gesellschaft kennengelernt, die mit solchen Spannungen geladen war. Das Zentrum, gewissermaßen die Sendestelle der fast physisch spürbaren Kräftewellen, war die Baronin. Die zierlich gebaute Frau mit den großen dunklen Augen […] beherrschte nicht nur die Unterhaltung, sondern ihre ganze Umgebung. […] Über alle Fragen der Kunst und Literatur, der alten und neuen, wurde […] mit unerhörtem Eifer und ebensoviel Geist debattiert.“

Aus diesem Kreis diskursfreudiger Gleichgesinnter, die sich um die Künstlerin scharen, gründet sich im Jahr 1909 die "Neue Künstlervereinigung München" (kurz: N.K.V.M.), aus der zwei Jahre später "Der Blaue Reiter" hervorgehen wird. Zu den Gründungsmitgliedern der "N.K.V.M." gehören neben Marianne Werefkin auch Alexej Jawlensky, Wassily Kandinsky (1866–1944) und Gabriele Münter (1877–1962). Neben dem Salon Werefkins in der Giselastraße ist das bayerische Murnau der zweite wichtige Ort für den Zusammenschluss der Expressionistinnen und Expressionisten. In den Sommern 1908 und 1909 kommen hier dieselben Protagonistinnen und Protagonisten zusammen, um gemeinsam der künstlerischen Arbeit nachzugehen. In den gemeinsamen Motiven finden sie zu ihrer individuell abstrakten Malerei. Wenig später kommt auch Franz Marc (1880–1916) hinzu. Unstimmigkeiten in der Ausstellungspraxis sind der Grund für den Austritt von Kandinsky, Münter und Marc. Aus dieser Abspaltung bildet sich im Schlüsseljahr 1911, in dem auch das ausgestellte Gemälde "Der Landarzt" entsteht, schließlich "Der Blaue Reiter". Der Name ist zunächst die Bezeichnung für ein kunsttheoretisches Programm, das Wassily Kandinsky und Franz Marc unter Mitwirkung Gabriele Münters als Almanach herausgeben. Es folgen zwei weltberühmte Ausstellungen in den Jahren 1911 und 1912, die den Theorieteil mit praktischem Anschauungsmaterial untermauern. Ab 1912 stellt auch Marianne Werefkin mit dem "Blauen Reiter" aus. Heute wird "Der Blaue Reiter" im weiteren Sinne als Bezeichnung für alle im Umkreis der Herausgeber tätigen und damals zusammen ausgestellten Künstlerinnen und Künstler gebraucht.

Marianne Werefkin, Der Landarzt (Detail), 1911, Sammlung Felix und Herlinde Peltzer-Stiftung, Foto: Lindenau-Museum Altenburg

1913 erfindet Else Lasker-Schüler (1869–1945) für Marianne Werefkin den bezeichnenden Ausdruck der "Blauen Reiter-Reiterin". Die zeitgenössische Äußerung der befreundeten Dichterin verdeutlicht, dass die Künstlerin nicht bloß eine der Frauen im Hintergrund des "Blauen Reiters" war. Vielmehr erhebt der Titel der "Blauen Reiter-Reiterin" den Anspruch Werefkins als geistige Impulsgeberin für die Entstehung der Künstlergruppe, als Netzwerkerin und nicht zuletzt als intellektuelle Vordenkerin für den deutschen Expressionismus.

Mehr zu Marianne Werefkin und dem ausgestellten Werk "Der Landarzt" können Sie in der wissenschaftlichen Publikation zur Ausstellung nachlesen und im dazugehörigen Audio-Guide zur Ausstellung nachhören. Die Ausstellung "Kirchner, Pechstein, Werefkin – Meisterwerke aus der Sammlung Peltzer" ist noch bis zum 30. Juli 2023 zu sehen (Di–So & an Feiertagen 12–18 Uhr, 4,00 € | 3,00 € ermäßigt).

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