„Ob sich die Natur nicht übernahm, als sie sich den Menschen leistete?“

- Ruth Wolf-Rehfeldt went climate activism

SAVE NATURE („Schützt die Natur“) – Dieser Slogan ist nicht nur ein Werktitel der Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt aus dem Jahr 1985 und damit ziemlich alt, er könnte außerdem nicht aktueller sein. Mühelos reiht er sich in seiner schlichten Eindringlichkeit in den Tenor klimaaktivistischer Demonstrationsrufe von den 1970er Jahren bis heute ein – und hat nichts an Aktualität eingebüßt.

Ruth Wolf-Rehfeldt, Save Nature, um 1985, Collage über Zinkografie, Privatsammlung Berlin

In Wolf-Rehfeldts Werk entsteigt eine rechteckige Formation filigraner Zeichen aus einer geöffneten rechten Hand, die vom unteren Bildrand her s-förmig und im ‚Profil‘ in den Bildausschnitt hineinragt. Mit dem jeweils längeren senkrecht verlaufenden Mittelstrich, den drei kreuzenden Querstreben sowie einem sternförmigen Hütchen erinnern die einzelnen Partikel an spitz in die Höhe ragende Nadelbäume. Zusammen bilden sie eine gleichmäßige Fläche; jede exakt ausgerichtete Reihe zählt zehn Bäume. Der klare Aufbau lässt die Assoziation einer Baumschule aufkommen, die menschengemacht und künstlich angelegt wurde. Die aufgesetzte Hand, einem Zeitungsprint entnommen, belebt durch ihre Plastizität die statische Fläche. Wie ein Strom kleiner Pfeile schießen die auf ein Minimum an grafischer Gestaltung reduzierten Bäumchen aus ihr hervor. Die Hand könnte dabei die Rolle der Quelle einnehmen: Öffnet sie sich, weitet sich der Strahl umso mehr, schließt sie sich, versiegt der Strom. Das Motiv des Wachstums scheint offensichtlich.

Die Collagetechnik ist wichtiger Bestandteil im Schaffen Wolf-Rehfeldts, des Öfteren kombinierte sie die Klarheit der Typewriting-Strukturen mit plastischen Ausschnitten aus Illustrierten oder Prints mit kunstgeschichtlicher Referenz. Auch das Thema mutet in ihrem Œuvre vertraut an: Der Topos von der Mensch-Natur-Beziehung findet sich nicht nur in ihren Umweltcollagen (1978), sondern auch in früheren Typewritings mit einschlägigen Titeln wie beispielsweise Go on Doing Good to Nature and Mankind (1974) („Fahr(t) fort, Gutes für Natur und Menschheit zu tun“). Dass die Menschheit zugleich als Verursacherin und Leidtragende ihres umweltmissachtenden Verhaltendes fungiert, zeigt sich in den Collagen Verbauung (1984) und Wohin in dieser Welt (1984), die ein Jahr vorher entstanden: Die selbst erwirkte Verdrängung des Menschen aus der Welt wird durch vergitterte Fenster und versiegelte Flächen verdeutlicht. Die Architektur beengt und schließt ein; sie schützt nicht. Gleichzeitig liegt der Blick auf die Berliner Mauer nahe, die zur steingewordenen Metapher für die staatlich angeordneten Denkschranken wurde.

Ähnlich wie die Mutter mit dem Säugling in Wohin in dieser Welt Gottesmutter-Assoziationen aufkommen lässt, kann auch die allmächtige Hand in Save Nature göttliche Querverbindungen hervorrufen. Im christlichen Glauben allein hat die Hand eine Unzahl an Bedeutungen. Die segnende und die strafende Hand, die Hand, die gibt und die Hand, die nimmt. Die Gleichzeitigkeit der Möglichkeit des Gedeihens und (Ab)Sterbens ist vielleicht der grundsätzliche Dualismus des Lebens und markiert in Save Nature die große Verantwortung der Gesellschaft gegenüber ihrer Umwelt.
Wolf-Rehfeldt reiht sich mit ihren ‚grünen‘ Werken in einen Chor an kritischen zeitgenössischen Stimmen ein. Die in den 1980er Jahren durch die verschärfte atomare Bedrohungssituation allgegenwärtigen Rufe wider militärischer Aufrüstung und für einen ernstgemeinten Umweltschutz äußern sich auch in Rolf Staecks Druck Bitte freilassen (1981): Oberhalb einer von Fabrikabgasen vergrauten Industriestadt erhebt sich nach hartem Schnitt ein strahlend blauer Himmel mit rotem Schriftband: BITTE FREILASSEN. Ähnlich plakativ formuliert es Joseph W. Huber: Die Mondansicht des Planeten Erde inmitten von schwarzem All wird untertitelt mit einem rot umrandeten Warnschild, darauf steht Vom Umtausch ausgeschlossen (1984). Die Dringlichkeit politischen Handelns wird durch die reduzierte Bildsprache und den Rückgriff auf die Ästhetik von Sicherheitshinweisen deutlich. „There is no planet B“ - Es gibt keinen Plan(et) B, wie heute zum Teil auf Fridays For Future-Demonstrationen in Hinblick auf Ressourcenknappheit gewarnt wird.

Schließlich verschickten Wolf-Rehfeldt und ihre Künstlerkolleginnen und -kollegen die mit Druckverfahren vervielfältigten Typewritings und Collagen als Mail Art um den Globus. [1] Damit schufen sie über den Postweg Möglichkeiten der Kommunikation und des (künstlerischen und politischen) Austauschs, wo oftmals aufgrund von Repression und Diktatur nur subversive Strategien denkbar schienen.

Ruth Wolf-Rehfeldt, die Trägerin des Gerhard-Altenbourg-Preises 2021, wird 1932 in Wurzen geboren. Nach einer Ausbildung als Industriekauffrau und Stenotypistin geht sie 1950 nach Berlin, wo sie ein Studium an der Arbeiter- und Bauernfakultät der Universität aufnimmt und anschließend Philosophie studiert. 1954 lernt sie den Künstler Robert Rehfeldt kennen, dessen Bekanntschaft ihr Leben privat und künstlerisch prägen sollte. Durch ihn mit Mail Art in Kontakt gekommen, beginnt das Künstlerpaar ab 1970 ein internationales Mail-Art-Archiv aufzubauen. Wolf-Rehfeldt, die ihr Leben fortan der Kunst widmet, stellt unter anderem 1982 in der ersten ‚offiziellen‘ Mail-Art-Ausstellung der DDR im Lindenau-Museum Altenburg aus. In den Umbruchsjahren 1989/90 endet das Schaffen der Künstlerin selbstbestimmt. Durch die Ehrung Wolf-Rehfeldts mit dem Gerhard-Altenbourg-Preis beinahe 40 Jahre später schließt sich ein Kreis.

Ruth Wolf-Rehfeldt, Verbauung, 1984, Zinkografie nach Collage, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst Cottbus

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