Verschenkt, verkauft, vergessen? – Kunstdetektivinnen im Dienste des Lindenau-Museums

In den letzten Jahren hat die Provenienzforschung in den Kunst- und Kulturwissenschaften erheblich an Bedeutung gewonnen. Doch was ist Provenienzforschung überhaupt? Mit Provenienz wird die Herkunft einer Person oder eines Objektes bezeichnet. Beim Erforschen eines Sammlungsbestandes spielen die Entstehungs-, Auffindungs- und Erwerbskontexte der Kunstwerke sowie mögliche Eigentums- und Besitzwechsel eine wichtige Rolle. Welche Geschichten stehen hinter den Kunstwerken? Wer hat sie erschaffen? Wem haben sie zu welcher Zeit gehört und auf welchem Weg sind sie ins Museum gelangt? Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher recherchieren, untersuchen und dokumentieren die einzelnen Schritte auf der Suche nach aufschlussreichen Überlieferungen zu Werken und auch ganzen Sammlungen. Neuerwerbungen, Dauerleihgaben, Schenkungen oder Stiftungen aus fremdem Besitz werden überprüft.

Das Lindenau-Museum, dessen Vorgängerbau der Staatsmann, Wissenschaftler und Mäzen Bernhard August von Lindenau 1848 eröffnete, beherbergt heute ca. 60 000 Kunst- und Kulturgüter von der Antike bis zur Kunst der Gegenwart. Die umfangreiche Sammlung von frühen italienischen Tafelbildern, vorchristlichen Keramiken, Gipsabgussfiguren nach der Antike und der Renaissance sowie Gemälden und Grafiken des 15. bis 21. Jahrhunderts stellt die Provenienzforschung vor allem aufgrund der Unterschiedlichkeit der Exponate vor besondere Herausforderungen.

Erst vor wenigen Tagen habe ich, Marianne Henke, als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Provenienzforschung am Lindenau-Museum begonnen zu arbeiten. In meiner mehrjährigen Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an verschiedenen Kunstauktionshäusern war die Provenienzforschung von Beginn an eine Grundaufgabe. Dazu gehörte insbesondere die Ermittlung der Herkunft von unterschiedlichsten Objektgattungen, angefangen bei Kleinplastiken über Bücher bis hin zu Gemälden und Grafiken.

Meine Kollegin Sarah Kinzel, ebenfalls Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin, und ich beschäftigen uns mit Kulturgütern des Lindenau-Museums, bei denen die Herkunft ungewiss ist. Mit detektivischer Wissbegierde nähern wir uns den einzelnen Kunst- und Kulturschätzen des Museums. Wir verfolgen die Spuren der Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer der Werke zurück, im besten Fall bis zu ihrer Entstehung im Atelier der Künstlerinnen und Künstler. Dabei lauten unsere zentralen Fragen: Wie ist das Kunstwerk ins Museum gekommen? Wann und wo ist es in die Sammlung gelangt?

Bei den wissenschaftlichen Analysen suchen wir zum einen direkt an den Kunstobjekten nach Hinweisen, beispielsweise in Form von Rückseitenbeschriftungen, Künstler- und Eigentümervermerken, handschriftlichen Einträgen, Marginalien, Widmungen oder Stempeln. Zum anderen konsultieren wir für die Herkunftsnachweise Ankaufsakten, Inventarbücher, Ausstellungs- und Auktionskataloge sowie Briefwechsel früherer Besitzerinnen und Besitzer, welche uns in die oft überraschende Historie der einzelnen Kunstschätze eintauchen lassen.

In abgedunkelter Umgebung untersucht eine Person mit einem LED-Handstrahler ein Gemälde
Präzise Untersuchung eines Gemäldes, Foto: Lindenau-Museum Altenburg/Nora Frohmann

Gefördert durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg liegt Sarah Kinzels Fokus seit dem Frühjahr 2018 auf Sammlungsstücken, deren Verbleib zwischen 1933 und 1945 ungeklärt ist und die deshalb mit dem Verdacht von NS-Raubkunst, Beutekunst oder NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut behaftet sein können.

Ich werde mich künftig mit möglichen Unrechtskontexten beschäftigen, die in die Zeit der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der ehemaligen DDR fallen. Im Rahmen des vom Bund geförderten Projekts Lindenau21PLUS setze ich mich mit den Museumserwerbungen aus dieser Epoche ostdeutscher Geschichte auseinander und erforsche deren Provenienz. Dabei gilt es vor allem zu klären, ob Sammlungsstücke in der Folge von „Republikflucht“ und Auswanderungen ehemaliger Eigentümerinnen und Eigentümer ins Museum gelangten.

Unser Ziel ist es, Klarheit über die Geschichte des musealen Werkes im Einzelnen zu schaffen, darüber hinaus aber auch die Geschichte der Sammlung zu rekonstruieren und im Detail zu erschließen. Sich dabei ebenso mit den schwierigen Kapiteln der Erwerbshistorie des Museums auseinanderzusetzen, gehört zu den ethischen und sensiblen Komponenten unserer Forschung.

Mit Spannung und Vorfreude blicke ich auf die zu erforschenden Kunstschätze der außergewöhnlich vielseitigen Sammlung des Lindenau-Museums. Interessierte können am Tag der Provenienzforschung am 13. April 2022 mehr über unsere Arbeit am Lindenau-Museum erfahren. Wir freuen uns darauf, Sie persönlich kennenzulernen.

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