„Vorläufig muss ich leben bleiben“ – Alfred Ahner zum 130. Geburtstag

Der Geburtstag des Künstlers Alfred Ahner jährte sich am 13. August 2020 zum 130. Mal. Grund genug, einen genaueren Blick auf das Leben des Künstlers zu werfen, von dem das Lindenau-Museum Altenburg viele Werke besitzt und mit dem "Kinderspielzeug" gegenwärtig auch eines im Interim in der Kunstgasse 1 präsentiert.

Ausstellungsansicht aus der Kunstgasse 1: Alfred Ahner, Kinderspielzeug, 1928

Alfred Ahner war ein Freund der leisen Momente. Immer wieder findet man in seinen Malereien, Zeichnungen und Skizzen die ruhigen Augenblicke des Alltags, ein Motiv, das auch in dem 1928 geschaffenen Gemälde "Kinderspielzeug" auftaucht. Hier springt ein gelber Hase vom rechten Rand hinein ins Bild, über die Bauklötze hinweg, die sich in Rosa, Weiß und Blau über den Holztisch verteilen. Auf der anderen Seite fällt dem Betrachter ein leicht beschädigtes und verstaubtes Spielzeugauto ins Auge, dessen Kühlerhaube auf eine Kinderzeichnung zeigt. Letztere ist ein Kunstwerk im Kunstwerk, das mit Nägeln befestigt an der blaugestrichenen Wand hängt. Daraus blicken dem Betrachter zwei Figuren mit vergnügtem Gesicht entgegen.

Der akribische Tagebuchschreiber Alfred Ahner hielt gern die künstlerischen Fortschritte seiner Kinder fest, besonders die 1925 geborene Tochter Maria-Erika, genannt Heidi, zog die Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich. So könnte man annehmen, dass es sich bei der Zeichnung um das Werk der jungen Heidi handelt, mit ihren lächelnden Eltern als passendem Motiv. Dabei gibt es für diese im Jahre 1928 wenig Grund zur Freude: Die in Weimar heimisch gewordene Familie wird von Geldsorgen geplagt und gesellschaftspolitische Veränderungen, insbesondere die sich häufenden Aufmärsche der Nationalsozialisten, beunruhigen die Eltern. Nur wenige Jahre zuvor hatte Weimar noch ein ganz anderes Bild vermittelt. Für Ahners spätere Frau Erna war es damals nicht allzu schwer, den dorfmüden Maler zu einem Umzug von Wintersdorf nach Weimar zu bewegen. Eine Existenz als freischaffender Künstler und die dafür notwendige Ausbildung bei angesehenen Meistern mag Alfred Ahner bereits länger vorgeschwebt haben.

Alfred Ahner, Tochter des Künstlers, 1926

In Wintersdorf wird Alfred Ahner am 13. August 1890 in die bodenständige Familie eines Baders geboren. In der Schulzeit tritt seine Leidenschaft und Begabung für die Kunst bereits zu Tage, sein Lieblingsfach ist das Zeichnen, eine Neigung, die vom Elternhaus gefördert wird. Auch die Berufswahl folgt dem künstlerischen Interesse, Alfred Ahner wird Lithograf. Von 1905 bis 1910 absolviert er eine Lehre bei Ernst Günther in Gera, doch schon bald wird klar, dass es für Arbeiter im Lithografenhandwerk keine Zukunft gibt. Die technische Entwicklung schreitet schnell voran, die Fotomechanik bestimmt bald das Druckwesen. Ahner orientiert sich neu. Otto Dix, den er beim sonntäglichen Zeichenunterricht kennengelernt hat, ist bereits an die Kunstgewerbeschule in Dresden gewechselt, und auch Ahner möchte sich nun der „hohen“ Kunst widmen. Es zieht ihn nach München, wo er sich in der dortigen Kunstakademie einschreiben möchte. Um die Aufnahmeprüfung zu bestehen, nimmt er Unterricht an der Privatschule des in Vilnius geborenen Malers Wladimir Magidey. Das zahlt sich aus, Ahner wird an der Münchner Kunstakademie aufgenommen.

 

Alfred Ahner, Wintersdorfer Tagebau mit Gewitter, 1957

Während dieser Zeit lernt er den Kunststudenten Hermann Stemmler kennen. Sie freunden sich schnell an und beschließen 1913 gemeinsam die konservative Kunstakademie Münchens zu verlassen und in Stuttgart an der Akademie der Bildenden Künste ihr Studium fortzusetzen. Hier kommt der aufstrebende Künstler zum ersten Mal mit impressionistischer Malerei – wie der van Goghs und Cézannes – in Berührung. Sie wirkt sich wesentlich auf seinen Stil aus. Doch die glücklichen Tage sind nur von kurzer Dauer. Im Sommer 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus und Ahner steckt bereits im September in einer Uniform. Von Kindheit an christlich erzogen und gegenüber der allseits aufflammenden Kriegseuphorie seiner Landsleute immun, entscheidet sich Alfred Ahner Sanitätssoldat zu werden. Er wird nach Frankreich und Belgien geschickt und muss die Schrecken der Westfront in Verdun, Ypern und an der Somme erleben. Die Sinnlosigkeit des Kriegs trifft ihn besonders hart. Wieder und wieder spricht er darüber in den Briefen an seine Familie: „Dann kommt so ein Krieg, vernichtet tausende Hoffnungen, tausende Leben […] Was ist denn der Mensch? Ein Nichts! Und doch so viel, denn er birgt Königreiche von Liebe und Glück in seiner Brust.“ (Feldpostbrief vom 12. Juni 1916).

Auch sein Freund Hermann Stemmler wird Opfer dieser „Mordmaschine“, während Ahner selbst 1918 zumindest physisch unbeschadet in sein Heimatdorf zurückkehren kann. Er bemerkt schnell, dass die Kunst in der Nachkriegszeit keinen Platz hat, zumindest nicht als Brotberuf: „Ich habe eingesehen, dass ich um zu leben einen anderen Beruf suchen muss – die Kunst wird mir nicht zu dem geringen Verdienst verhelfen, wenn ich nicht gewissenlosen Kitsch fabrizieren will.“ – schreibt er an seine zukünftige Frau Erna, mit der er schon seit Kriegstagen einen regen Briefwechsel führt. Ahner beginnt als Pumpenwärter im Braunkohletagebau in Wintersdorf zu arbeiten, wechselt jedoch 1920 ins Dekorationsmalgeschäft, da die Nachtschichten im Tagebau nicht mit seinem Wunsch, sich mit der Malerei zu beschäftigen, zu vereinbaren sind. Der Berufswechsel und die Rückkehr in die Heimat tragen kurioserweise dazu bei, dass er sich seinem Lebensziel, Maler zu werden, mit Riesenschritten nähert. Ahner lernt den Maler Ernst Müller-Gräfe und den Kunstkritiker Walter Grünert kennen, durch deren Fürsprache seine erste Ausstellung zustande kommt, im Lindenau-Museum Altenburg.

 

M. Herr hat von 03. August bis 30. September 2020 ein Praktikum im Lindenau-Museum absolviert und sich in dieser Zeit besonders für den Künstler Alfred Ahner interessiert.

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