Zeitlos modern – Die Künstlerinnen Erna Pinner und Jacoba van Heemskerck

Erna Pinner, o. T., 1923, Lindenau-Museum Altenburg

Während der Weimarer Republik (1918–1933) wandelte sich die Rolle der Frau. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten viele von ihnen plötzlich für ihren eigenen Unterhalt sorgen und entwickelten ein Interesse für Berufszweige, die zuvor nur von Männern ausgeübt wurden. Doch sie traten nicht nur als weibliche Angestellte in Erscheinung. Frauen kämpften für ihre Sichtbarkeit und Gleichberechtigung in der Gesellschaft. Auch in der Kunst suchten und fanden sie Wege und Formen, sich auszudrücken und ihre Gedanken und Gefühle festzuhalten. Einige von ihnen setzten sich selbstbewusst über die Zwänge der Gesellschaft sowie die künstlerischen Lehren der männlichen Kollegen hinweg und fanden ihre eigene Bildsprache. Sowohl das Überwinden gültiger Normen und Verhaltensweisen als auch das Aufbrechen herkömmlicher Geschlechterrollen führten jedoch nicht nur zur Selbstbestimmtheit, sondern lösten auch Ängste und gesellschaftlichen Druck aus. In der Grafischen Sammlung des Lindenau-Museums Altenburg finden sich neben abstrakten und realistischen Naturdarstellungen, Porträts sowie fantasievollen Buchillustrationen auch visuelle Anklagen der Künstlerinnen – Bilder, die ungeschönt und direkt die Nöte und Sorgen, aber auch die Errungenschaften und Kräfte der Zeit widerspiegeln. Auf eindringliche Weise zeigen die Frauen ihre Perspektiven auf die Welt, in der sie lebten. Dabei haben viele der Werke einen beeindruckend zeitlosen und modernen Charakter.

Bereits in ihrer Jugend fertigte die aus einem jüdischen Großbürgertum stammende Erna Pinner (1890–1987) Skizzen und Zeichnungen im Frankfurter Zoo an. Nachdem sie ihre künstlerische Ausbildung am Städelschen Kunstinstitut begonnen hatte, studierte sie beim Maler Lovis Corinth (1858–1925), der ein guter Freund der kunstinteressierten Familie Pinner wurde. Anschließend ging sie nach Paris und nahm Unterricht an der renommierten Acádemie Ransson bei Félix Vallotton (1865–1925), Maurice Denis (1870–1943) und Paul Sérusier (1864–1927). Bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, kehrte Pinner zurück nach Frankfurt und entwickelte neben zahlreichen grafischen Arbeiten fantasievolle und ungewöhnliche Puppen – die so genannten Pinner-Puppen, von denen heute leider keine mehr im Original erhalten geblieben ist. Im Jahr 1916 lernte sie den Schriftsteller und Mitbegründer der „Darmstädter SezessionKasimir Edschmid (1890–1966) kennen, mit dem sie neben einer persönlichen auch eine künstlerische Partnerschaft und lebenslange Freundschaft verband. Gemeinsam mit ihm reiste sie durch Südeuropa und Nordafrika, schrieb für den Feuilleton, illustrierte seine Werke und fertigte Kostüme für seine Bühnenstücke an.

Mit der Unterstützung des Kunsthändlers, Galeristen, Publizisten und Verlegers Alfred Flechtheim (1878–1937) erschienen zahlreiche von Pinners Fotografien, Aufsätzen und Zeichnungen in dessen Magazin „Der Querschnitt“. Ihre Illustrationen in Edschmids Buch „Zur Naturgeschichte der Antilopen“ zeigen in wenigen Flächen und zarten Linien Antilopen aus verschiedenen Perspektiven. Aufgrund der sparsamen Formensprache erscheinen die Tiere modern und zeitlos.

Als Jüdin sah sich Erna Pinner, wie viele andere Menschen, dem stetig wachsenden Antisemitismus und den damit einhergehenden Repressionen ausgesetzt. Während Edschmid in die ‚innere Emigration‘ ging, entschied sich Pinner gemeinsam mit ihrer Mutter ins Exil nach England zu fliehen. Hier knüpfte sie Kontakte zu Zoologen, Biologen und Anthropologen, deren wissenschaftliche Publikationen sie illustrierte. Die Natur stand zeitlebens im Mittelpunkt von Pinners künstlerischem Schaffen, wobei sie oftmals ein Augenzwinkern in ihre Arbeiten einfließen ließ. Im Jahr 1959 erhielt sie durch Theodor Heuss (1884–1963) das Bundesverdienstkreuz. Bis ins hohe Alter von 97 Jahren bewahrte sie sich ihre Liebe zur Kunst und zur Wissenschaft. Das Buch „Zur Naturgeschichte der Antilopen“ erschien im Jahr 1923 in einer Auflage von 100 Exemplaren im Verlag „Die Dachstube“ in Darmstadt.

Jacoba van Heemskerck (1876–1923) schuf ein beeindruckend zeitloses Œuvre an Gemälden, Grafiken, Mosaiken und Glasarbeiten. Ihre rhythmischen und organisch anmutenden Kompositionen orientieren sich am vorherrschenden Expressionismus, zeigen jedoch eine individuelle Formensprache, die im gleichen Maß an der Natur angelehnt ist und von ihr abweicht. Die Künstlerin zergliederte Motive wie Seen, Berge, Bäume und Flüsse prismatisch in ihre geometrischen Teile und fügte diese symmetrisch und harmonisch wieder zusammen. Alle Elemente scheinen dabei ausgewogen und fließend miteinander in Verbindung zu stehen.

Jacoba van Heemskerck, Komposition (Fjord), um 1916, Lindenau-Museum Altenburg

Noch bevor Frauen ab 1919 offiziell an Kunsthochschulen studieren durften, erlernte van Heemskerck von 1897 bis 1901 die Grundlagen der Malerei an der Königlichen Akademie für Bildende Künste in Den Haag. Da sie hier jedoch nichts über moderne zeitgenössische Kunst erfuhr, ging sie nach Paris und anschließend zurück in die Niederlande, um sich durch verschiedene Stilrichtungen inspirieren zu lassen. Die Hinwendung zum Luminismus und zur Arbeit mit Glas verlieh ihren Arbeiten etwas Spirituelles. In Berlin begegnete sie im Jahr 1914 dem Verleger der Wochenschrift „Der SturmHerwarth Walden (1879–1941). Er wurde ihr Agent und Mentor und machte die Niederländerin mit den Künstlerinnen und Künstlern des „Blauen Reiter“ bekannt. Wassiliy Kandinsky (1866–1944), Franz Marc (1880–1916), Gabriele Münter (1877–1962) und Alexej Jawlensky (1864–1941) sollten ihren Weg in die Abstraktion maßgeblich beeinflussen. Ihnen gleich wollte sie die Welt so darstellen, wie sie ihr erschien und nicht, wie sie wirklich war. Nachdem vier ihrer Holzschnitte in der amerikanischen Zeitschrift „The Dial“ abgedruckt worden waren, bat sie Walden um die Organisation einer Ausstellung in den USA, zu deren Umsetzung es jedoch nicht mehr kam. Nach ihrem frühen Tod im Jahr 1923 werden ihre Werke nun beinahe hundert Jahre später in zahlreichen Museen wiederentdeckt. Ihre Mappe erschien höchstwahrscheinlich im Jahr 1915 mit einer unbekannten Auflage im Verlag „Der Sturm“ in Berlin, herausgegeben von Herwarth Walden.

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