„Entartete Kunst“ im Lindenau-Museum

Am 31. August 1937 wurden 39 Kunstwerke aus dem Lindenau-Museum entfernt – eine Tatsache, die damals in keiner der Altenburger Tageszeitungen Erwähnung fand. Zum Jahrestag dieses traurigen Ereignisses werfen wir einen Blick auf die Hintergründe des staatlich organisierten Kunstraubs.

Handzettel zur Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1937 (gemeinfrei)

Die Ausstellung „Entartete Kunst“

In den Sommermonaten des Jahres 1937 hatte der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste Adolf Ziegler hunderte von Kunstwerken in deutschen Museen beschlagnahmen lassen. Seit dem 19. Juli wurden sie in München als „Entartete Kunst“ dem Publikum präsentiert. Nur wenige Wochen später hatten bereits eine Million Besucher die Ausstellung gesehen, wie die Altenburger Landes-Zeitung just am 31. August anerkennend berichtete.

Die Schau in den Hofgartenarkaden war als Parallelveranstaltung zur „Ersten Großen Deutschen Kunstausstellung“ konzipiert, die zeitgleich im neu eröffneten Haus der Deutschen Kunst stattfand. Die dort versammelten Portraits, Akte sowie Darstellungen von Athleten und deutschen Landschaften entsprachen dem Kunstideal der Nationalsozialisten. Im Vergleich zu den Erzeugnissen der „Geisteskranken Nichtskönner“, wie die Künstler auf dem Handzettel zur Ausstellung tituliert wurden, sollten sie heroisch, gesund und „rein“ wirken. Während den Werken im Haus der Deutschen Kunst mit seinen hellen, luftigen Ausstellungsräumen viel Platz zur Verfügung stand, wurden sie in den Hofgartenarkaden auf engstem Raum zusammengepfercht. Die wenigen freien Wandflächen waren mit wüsten Schmähungen überzogen.

Walter Jacob, Selbstbildnis, 1913, Öl auf Pappe, 67,5 x 48 cm, Lindenau-Museum Altenburg

Weitere Beschlagnahmungen

Die Münchner Propaganda-Ausstellung gab den Anstoß zu weiteren Beschlagnahmungen: Sämtliche Werke, die den Nationalsozialisten als „entartet“ galten, wurden nun aus den Museen entfernt. Dabei fehlte dem staatlichen Kunstraub jede rechtliche Grundlage. Erst am 31. Mai 1938 wurde ein Gesetz erlassen, das die Aktionen nachträglich legitimieren sollte: Das sogenannte „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“ schrieb die entschädigungslose Enteignung der Werke zu Gunsten des Deutschen Reiches fest.

Nach der Ausstellung, die anschließend in weiteren deutschen und österreichischen Städten zu sehen war, erhielten die Kunsthändler Karl Buchholz, Ferdinand Möller, Bernhard D. Böhmer und Hildebrand Gurlitt den Auftrag, die Werke zu veräußern. Einen Großteil verkauften sie zur Devisenbeschaffung ins Ausland. Als „unverwertbar“ geltende Stücke wurden 1939 in Berlin verbrannt.

Nazis im Lindenau-Museum

Die Kunsträuber führten genau Buch. Wir wissen deshalb, dass Ernst Müller-Gräfes expressionistische Wandmalereien von 1919-22 im Treppenaufgang des Museums übermalt sowie 9 Gemälde, eine Plastik und 29 Grafiken abtransportiert wurden.[1] Der Großteil der Werke wurde vernichtet. Liegender Akt von Müller-Gräfe und Tanzendes Paar von Edwin Scharff kamen wieder an das Lindenau-Museum zurück. Ein fünfteiliger Altar von Müller-Gräfe befindet sich heute in Privatbesitz. Grafiken von Lovis Corinth, Lyonel Feininger, George Grosz und Max Pechstein, deren Verbleib bislang unbekannt ist, wurden womöglich gewinnbringend veräußert.

Alle konfiszierten Werke waren Neuerwerbungen aus den 1920er und 1930er Jahren. Dazu gehörten auch vier Arbeiten von Walter Jacob. Die Zeichnungen Sonnenuntergang und Auf Hallig Hooge waren 1922 angekauft, das Gemälde Grabmal von B. A. Lindenau war 1934 von dem Kaufmann Eduard Plietzsch geschenkt worden. Ein Jahr später hatte der Leiter des Lindenau-Museums Heinrich Mock das Gemälde Inntal für 200 RM gekauft, bevor ihn die Nazis 1937 aus dem Amt drängten.

Walter Jacob, Komposition, 1919, Tempera und Bleistift auf Papier, 62,5 x 49,7 cm, Lindenau-Museum Altenburg

Walter Jacob zwischen Verfemung und Anbiederung

Jacob, 1893 in Altenburg geboren, orientierte sich in den frühen 1910er Jahren zunächst an Müller-Gräfes impressionistischen Arbeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg besuchte er die Dresdner Kunstakademie und orientierte sich vermehrt am Expressionismus. In den Zwischenkriegsjahren nahm Jacob an zahlreichen Ausstellungen in Dresden teil, darunter eine von der Dresdner Sezession veranstaltete Gegenüberstellung mit Eugen Hoffmann im Kunstsalon Emil Richter.

Bereits Ende September 1933 wurden Jacobs Werke in der Dresdner Ausstellung Spiegelbilder des Verfalls in der Kunst öffentlich als „entartet“ präsentiert. Den Beschlagnahmungen von 1937 fielen insgesamt 39 Arbeiten von Jacob aus dem Lindenau-Museum sowie aus der Gemäldegalerie und dem Stadtmuseum in Dresden zum Opfer.

1932 trat Jacob allerdings der NSDAP und SA bei, stellte von 1934 bis 1940 mehrfach auf der Großen Münchner Kunstausstellung aus und versuchte sich immer wieder in offiziell anerkanntem Stil und Inhalt. So entstanden bis 1945 neben Landschaften auch Portraits von SA-Männern.

Walter Jacob, Herr und Knecht, 1920, Öl auf Leinwand, 80,5 x 94,5 cm, Lindenau-Museum Altenburg

So wie Jacobs zwiespältige Biografie einen Teil der deutschen Geschichte darstellt, ist seine Kunst für Altenburg, den mitteldeutschen Raum und die Expressionisten der zweiten Generation außerordentlich bedeutsam. In den letzten Jahren konnte das Lindenau-Museum den ein oder anderen Verlust, den die Nationalsozialisten der Sammlung beibrachten, durch Neuerwerbungen zumindest abmildern. Darunter fällt auch Jacobs Uferbereich eines Gewässers mit Weiden aus den 1910er Jahren. Das Gemälde und die kürzlich erfolgte Restaurierung wird in einem Beitrag im Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2019 noch einmal ausführlicher thematisiert werden.

[1] Für eine genaue Auflistung vgl. die Datenbank „Entartete Kunst“ der FU Berlin. Dort als Herkunftsort „Altenburg, Staatliches Lindenau-Museum“ eingeben.

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